Erziehung heute

Kinder zu erziehen, ist eine schöne und verantwortungsvolle Aufgabe - klare Sache. Wie man aber Kinder erzieht, ist für Eltern mit unzähligen Fragen verbunden. Viele Eltern sind verunsichert und fühlen sich mit ihrer Unsicherheit alleine gelassen. Kein Wunder also, dass sich unzählige Ratgeber zum Thema Erziehung in den Regalen der Buchläden stapeln.

Gibt es eine “richtige“ und eine “falsche“ Erziehung?

Einen Grund für die wachsende Verunsicherung vermutet Cornelia Nitsch, Autorin von Erziehungsratgebern und selbst Mutter von vier Söhnen, in den Kleinfamilien von heute: “Früher gab es die Großfamilie, da konnten Eltern sich bei den Groß- oder Urgroßeltern schnell einen Rat holen. Heute müssen viele Eltern bei Null anfangen.“ Sind die Kleinen im Kindergartenalter, wird diese Situation etwas besser, denn dann können sich die Erziehungsberechtigten mit anderen Eltern austauschen.

Die aktuellen Schwierigkeiten rühren auch daher, dass es keine allgemein gültigen Regeln mehr gibt. Früher mussten Kinder viel strengere Gesetze befolgen. So hieß es zum Beispiel bei der Begrüßung von Erwachsenen, einen Knicks zu machen. Bei Tisch durften Kinder meist gar nicht sprechen. Solch strenge Verhaltensregeln sind heute glücklicherweise passé. Die Spielräume sind viel größer geworden, darum stellt sich den Eltern auch stärker die Frage nach dem passenden Erziehungsstil.

Die “richtige“ Erziehung oder die “falsche“ Erziehung gibt es nicht. Immer kommt es im Familienalltag auf die Besonderheiten von Kind und Eltern an. Dennoch gibt es einige Grundvoraussetzungen für eine gute Erziehung. Ganz wichtig ist die Liebe zum Kind: Eltern sollten Freude daran haben, ihr Kind zu erziehen und die Beschäftigung mit ihm nicht als riesengroße Belastung sehen. Auch wenn die Erziehung eine große Verantwortung darstellt, ist es eine, die sehr viel Spaß machen kann. Besonders wichtig ist, das Kind in seiner Persönlichkeit zu achten. Eltern sollten auf ihre Kinder eingehen, ihnen zuhören und ihre Bedürfnisse und Interessen ernst nehmen.

Grenzen setzen

Eltern sind mehr als nur die Freunde ihrer Kinder: Als Erwachsene tragen sie die Verantwortung für das Kind und sagen, wo es lang geht. Darum sollten sie sich nicht davor scheuen, dem Kind Regeln zu geben und Grenzen zu setzen - so heute die Meinung vieler Erziehungsexperten. Denn Kinder brauchen klare Vorgaben, nach denen sie sich richten können und auf die Verlass ist. Das gilt umso mehr, je kleiner das Kind ist. Sind die Eltern zu inkonsequent, kann dieses Verhalten zu Orientierungslosigkeit beim Kind führen. Das hat nichts mit Drill zu tun. Aber Erziehungsberechtigte müssen für ihre Kinder Entscheidungen treffen, wenn das Kind dazu noch nicht in der Lage ist. Allerdings sollten sie mit dem Kind sprechen und ihre Entscheidungen auch begründen. Absolut fehl am Platz sind körperliche Strafen. “Bevor mir die Hand ausrutscht, bin ich lieber eine Runde um den Block gegangen“, berichtet Cornelia Nitsch aus ihrer Alltagserfahrung mit vier Söhnen. “Über Probleme kann man mit dem Kind sprechen, wenn man wieder einen kühlen Kopf hat.“ Von Strafen und Sanktionen hält sie wenig: “Das sollte immer ein letztes Mittel sein, wenn alles andere gar nicht mehr fruchtet, denn Strafen führen schnell zu einem Machtkampf. Erstmal sollten Eltern das Gespräch suchen. Damit bin ich auch bei meinen vier Kindern meist weit gekommen.“

Wie ratsam sind gängige Erziehungskonzepte?

Viele Eltern überlegen, ob sie ein bestimmtes Konzept wie etwa Triple-P (“Positive Parenting Programm“) bei der Erziehung berücksichtigen sollen. Wenn Eltern sich mit Erziehungsfragen beschäftigen, ist das an sich schon eine gute Sache. Allerdings sind viele dieser Konzepte sehr technisch angelegt: Sie liefern Patentrezepte und suggerieren manchmal eine falsche Sicherheit im Umgang mit Kindern. Wenn sie zu wenig auf die Persönlichkeit des Kindes zugeschnitten sind, engen sie mehr ein, als zu helfen. Laut Cornelia Nitsch können Eltern beruhigt auf ihr Bauchgefühl hören und sich mehr auf ihre eigene Wahrnehmung konzentrieren. Denn oft sagt die innere Stimme genau das Richtige. Ein großes Plus ist es in jedem Fall, positiv an das Leben mit Kindern heranzugehen. Wer gerne einen Kurs zum Thema Erziehung besuchen will, kann sich zum Beispiel die Kurse vom deutschen Kinderschutzbund näher ansehen: Ihr Erziehungsprogramm „Starke Eltern - starke Kinder“ geht stark auf die Persönlichkeit und die Bedürfnisse von Kindern ein. Die Kurse werden in vielen deutschen Städten und Gemeinden angeboten.

Angebote im Überfluss

Leiden Kinder von heute unter “Wohlstandsvernachlässigung“? Viel wird im Moment über die  Vernachlässigung von Kindern gesprochen, beklagt der Mangel an Disziplin. Diese Probleme gab es sicherlich schon immer. Was Erziehungsfachleute heute allerdings vermehrt beklagen, ist die sogenannte “Wohlstandsvernachlässigung“: Eltern können ihren Kindern heute vieles kaufen. Darunter fallen nicht nur der eigene Fernseher und DVD-Rekorder, den die Kinder in ihrem Zimmer haben, sondern auch Kurse wie tägliche Reit-, Ballett- oder Klavierstunden. All das kann zu dem Trugschluss führen, die Kinder hätten doch alles, was sie brauchten. Dabei sind Kinder von einem Zuviel an gekaufter Beschäftigung schnell überfordert. Sinnvoll wäre es stattdessen, wenn die Eltern sich möglichst viel Zeit für ihr Kind nehmen und gemeinsam etwas unternehmen. Und das muss gar nicht kostspielig sein - einen Radausflug ins Grüne gibt es zum Nulltarif.

Stehen Eltern mit der Erziehung alleine da?

Im Idealfall sollten an der Kindererziehung alle beteiligt sein: Eltern, Erzieher und Lehrer. Nach Möglichkeit ziehen sie an einem Strang. Wenn besondere Probleme auftauchen - etwa wenn eine Verhaltensstörung beim Kind auftritt - sind Eltern vermehrt auf Hilfe von außen angewiesen. So bieten verschiedene Beratungsstellen Unterstützung und Hilfe an, die Eltern in einem solchen Fall wahrnehmen sollten.

Zukunft der Erziehung

Für die Zukunft der Kindererziehung hoffen viele Erziehungsfachleute auf einen goldenen Mittelweg zwischen Drill und “Laisser-faire“. Wünschenswert wäre ein Netzwerk von Menschen, die sich um die Erziehung von Kindern kümmern. Cornelia Nitsch jedenfalls hofft, dass sich “Eltern künftig viel Zeit für ihre Kinder nehmen und partnerschaftlich mit ihnen umgehen. Allerdings: Ohne Regeln und Konsequenzen geht es nicht!“

Impressum | Datenschutz | AGB